Verfasst von: mcstrider | August 23, 2019

Selbstgespräch im Dunkeln mit Musik

«Schlaf ist eh überbewertet», sage ich zu mir selbst. Ich sitze auf der Couch in kompletter Dunkelheit. Zwar müde, aber wach. «I can’t get no sleep», sangen Faithless in ihrem Hit «Insomnia». «Ich kann nicht schlafen». Eigentlich bin ich ja mit einem gesunden Schlaf gesegnet. Meine Frau beschwert sich jeweils, wenn ich – kaum in der Horizontalen – weg bin und die Tiefe meines Schlummers lautstark kundtue.

Leider geht es meiner zwei­jährigen Tochter seit einigen Wochen anders. Regelmässig wacht sie in der Nacht auf und findet den Schlaf nicht mehr. Und ich finde mich auf der Couch wieder und «wägele» sie. Eine der zuverlässigeren Methoden, ihr beim Einschlafen zu helfen.

Glücklicherweise gehöre ich zu den Menschen, die nicht viel Schlaf brauchen. Rede ich mir in dem Moment zumindest ein. Ich denke dabei an meine Jugend, wo ich trotz durchzechter Nacht in aller Frische am gymnasialen Unterricht teilnahm. Doch, so wars, ich erinnere mich genau. Dazu läuft in meinem Geist «No Sleep Till Brooklyn» der Beastie Boys als Soundtrack: «Waking up before I get to sleep ’cause I’ll be rockin’ this party eight days a week!» (Aufgewacht, bevor ich ins Bett ging, denn ich rocke die Party acht Tage die Woche).

Und jetzt sitze ich auf der Couch. Und während ich den Wagen, in dem sich meine Kleine leise wälzt, möglichst sanft und gleichmässig hin und her schiebe, tönen nicht die Beastie Boys in meinem inneren Ohr. Und auch nicht das weichgespültere, meinem Alter eher angemessene «I’ll Sleep When I’m Dead» von Bon Jovi. Nein: «I can’t get no sleep» wiederholt sich in bleierner Monotonie.

Und morgen früh geht es wieder auf die Arbeit. «Zum Glück brauche ich nicht viel Schlaf», sage ich mir. Und denke an den Militärdienst. An die Offiziersschule, wo man uns regelmässig nur wenige Stunden, oft unterbrochen, schlafen liess. Geschenkt, dass das nun schon zwanzig Jahre her ist. Muss sich nur zusammennehmen. Und konzentrieren. Sodass wenig Schlaf und überhaupt konzentrieren. Damit keine müde. Genau!

Ich schrecke auf. Die Kleine liegt still und schläft tief. «Schlaf ist doch nicht so überbewertet», denke ich, als ich sie in ihr Bett trage. Kurz darauf liege ich in meinem eigenen und … «I can’t get no sleep». Das darf nicht wahr sein!

Dieser Text erschien im Berner Oberländer und Thuner Tagblatt am Samstag, 24. August 2019 in der Rubrik „Kopfsalat“


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: