Verfasst von: mcstrider | Juli 19, 2012

Panzer auf dem Cerro Colorado

Ein rosaroter Panzer in Thun sorgt für Gesprächsstoff an der Theke.

Ein rosaroter Panzer in Thun sorgt für Gesprächsstoff an der Theke.

Freitagabend an der Theke. Ueli Huggel (91, Rentner) sitzt zusammen mit Kevin Bollinger (24, angehender Berufsoffizier der Schweizer Armee) am Stammtisch. Huggel ist in den Blick vertief. Die dicke Brille sitzt tief auf der Nase. In seinem Mund steckt eine Pfeife: Huggels stiller Trotz gegen das von den Sozis und Weltverbesserern verordnete Rauchverbot. Zwar darf er nicht Rauchen, aber an der Pfeife zu nuckeln, während er liest, wie die Welt zu Grunde geht, kann ihm niemand verbieten. Schliesslich hatte er über 45 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet und auch gedient.

Huggel hat vieles gesehen und erlebt. Ihm kann man nichts vormachen – davon ist er überzeugt und betont dies auch gerne bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit. Der forsche Kevin Bollinger (KB) ist ein ganz anderer Anblick. Stolz und aufrecht sitzt er da. Für einmal in edlem Zwirn statt in Uniform. Er trinkt das Bier nicht aus Stangengläsern oder Kübeln wie der «normale» Büetzer. Für ihn muss es gediegener sein, deshalb lässt er sich jeweils ein «Herrgöttli» kredenzen. Nicht das er deswegen, weniger trinkt, als die Tischnachbaren, die das flüssige Brot in Halbliterbehältern vernichten. Der Barkeeper muss ihm nur häufiger nachschenken. Bollinger hat studiert. Er weiss, wie die Welt funktioniert und was die Gesellschaft zu Ticken bringt. Gerne erklärt er es auch den weniger Aufgeklärten.

Mit verklärtem Blick betritt Jonathan (ein vergessen gegangener 68er) das Lokal. Eigentlich wollte er ins Woodstöckli, hat sich aber auf Grund der zahlreichen Baustellen verirrt. Sein Bob-Marley-Gedenk-T-Shirt war ursprünglich so farbig, dass es bei empfindlicheren Menschen zu vorübergehender Erblindung führen konnte. Allerdings inzwischen ist es so abgetragen, verwaschen und dreckig, dass die Buntigkeit halbwegs erträglich ist. Jonathan (J) fragt etwas schleppend und nicht klar verständlich weil nuschelnd Emmanuel José do Santos di Monte Video della Cruz (S), den Chilenen an der Bar, nach dem Weg. In diesem Moment legt Ueli Huggel (UH) die Zeitung weg und beginnt zu lamentieren.

U.H.: Es ist nicht mehr so wie früher! Jetzt verhökert schon unser eigenes Militär unsere Panzer an die Scheiss-Chilenen!

K.B.: Was bitte schön sind denn diese Scheiss-Chilenen jetzt schon wieder?

S.: Mini Mutter Scheiss-Chilene, mini Vater glaubi auch, nid kenne ihn!

U.H.: Da bin ich ja an der richtigen Adresse. Ihr sollt nicht unsere Panzer klauen, sondern mir endlich mein Bier bringen. Jawohl!

Jonathan rümpft die Nase und beobachtet mit rotunterlaufenen Augen die Szene. José bringt Ueli das Bier und setzt sich gleich selbst an den Stammtisch.

K. B.: Es ist schon recht, dass wir diesen alten Schrott loswerden. Heutzutage brauchen wir eine hochtechnologisierte Armee mit modernsten Hightechwaffen.

U. H.: Blödsinn. Das haben wir im 2. Weltkrieg auch nicht gebraucht, als wir fürs Vaterland an der Grenze standen und uns die Deutschen vom Halse hielten. Aber damals war halt alles besser und die Jugend nicht so verweichlicht.

J.: Ha. Das ich nicht lache. So ein Scheiss. Kolla… kole… kolabi… unter einer Decke stecktet ihr mit Adolf! Habs in der WOZ gelesen! Und überhaupt gibts nur einen Panzer, der mir gefällt. Der rosarote von Thun!

S.: Ich hoffe Ihr verkaufe mir keine rosaroten Panzer. Wenn uns die Maccupicus an den Hals wollen, nützen die uns nämlich nichts!

K.B.: Ich könnte euch da ein paar ganz gute Tipps geben. Ich habe im letzten Lehrgang gelernt, wie man im Dschungel kämpfen muss.

U.H.: Halt nichts verraten, wir sind schliesslich neutral … Und überhaupt wenn die Chinesen kommen dann…

S.: Was interessieren mich Chinesen, wir wollen eure Panzer kaufen. He Regebogenmann, was gucke du so verknitteret in Wäsche!

J.: (mit einem nachdenklichen Lächeln im Gesicht) Ich habe mir nur gerade überlegt, wie hundert rosarote Schweizer Panzer über den Cerro Colorado rollen. Die Inkas würden sich wohl halb todlachen. Man stelle sich vor: Peacemaker made in Switzerland – Alle Kriegsgeräte der Welt in rosa!

Mit Dank an Yann, Lucas und Patrick

Mehr zu «Geschichten von der Theke»: https://mcstrider.com/2012/07/17/geschichten-dies-und-jenseits-der-theke/


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