Verfasst von: mcstrider | August 6, 2012

Kalter Kaffee

Schweigend stehen die üblichen Verdächtigen an der Theke. Aus der Jukebox klingt ein Lied. Irgendwie ist es niemandem ums Reden. Weshalb auch? Draussen regnet es wie aus Kübeln und drinnen herrscht eine gedrückte Stimmung. Robert kämpft in seinem Geschäft mit schlechten Zahlen. Sein Chef macht ihm die Hölle heiss. Stefan hat Ärger zuhause, lässts sich aber nichts entlocken. Und Peter macht sein lädiertes Knie schwer zu schaffen. Ein Besuch beim Doktor – obwohl ungeliebt – wird wohl unumgänglich sein. Dieser steht übrigens auch an der Theke, tief in Gedanken versunken. So hat jeder sein Kreuz zu tragen. Und wie an der Theke üblich tut dies jeder für sich. Es verspricht ein trister Abend zu werden. «Da kommt mir eine alte Geschichte in den Sinn.» Charles Tanners Stimme ist für die Anwesenden wie ein Rettungsring. Auf Tanner ist Verlass. Er hat immer etwas Spannendes aus seinem aufregenden Leben als Privatdetektiv und Agent zu erzählen. Man hängt ihm an den Lippen. Und sorgt dafür, dass ein leeres Bierglas vor ihm schnell durch ein volles ersetzt wird. Obwohl sich niemand sicher ist, ob die Geschichten nicht frei erfunden sind. Auch dieses Mal enttäuscht Tanner seine Zuhörer nicht. «Es ist schon einige Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau …»

Es war an einem verregneten Samstagabend. Ich versuchte mich von einem kräfteraubenden Auftrag, in den ein Bundesrat, eine führende Wirtschaftsmacht, ein Waffeningenieur und ein Gummibaum involviert waren, in der Disco «Hollywood» zu erholen. Es klappte nicht schlecht. Die vergangenen Ereignisse vergas ich schnell. Ich nervte mich zu sehr über den DJ. Dieser hatte in den zwei Stunden, in den ich schon hier war, kein einziges Lied gebracht, das diesen Namen auch verdient hätte, dafür eines, das ich bis in die Tiefen meiner Seele verabscheue schon zum dritten Mal. Als ich die ersten Töne dieses Stückes nunmehr zum vierten Mal erleiden musste, reichte es mir. Irgendwo tief in mir war beim Erklingen dieses Chartstürmers, der an den letzten Piepser eines verendenden Computers erinnerte, etwas geplatzt. Ich überprüfte den Sitz meiner Magnum und entsicherte sie. Aber zum Äussersten kam es nicht. Ein verdammt gut aussehendes Mädchen redete auf den DJ ein.

Sie trug einen roten Minirock, der den Namen Mini verdiente und nur wenig von den wohlgeformten, langen Beinen verbarg, ihr langes, braunblondes Haar zeichnete sich deutlich von der weissen Bluse ab. Diese überliess im Bezug auf die Oberweite wenig der Fantasie. Im Moment drückte ihr Gesicht wilde Entschlossenheit aus, trotzdem waren die Züge sanft. Er war das krasse Gegenteil. Sein schlechter Geschmack in Sachen Kleider wurde nur noch von dem in Bezug auf Musik überboten, seine dünnen Beinchen versteckte er in zu kurzen Hosen, die aus einer Modebewegung des frühen Mittelalters stammen mussten. Was seine Beine zu dünn waren, war seine Bauch zu dick. Der Bauchnabel schaute unter dem verschwitzten, früher mal weissen T-Shirt hervor. Die kombinierte Hässlichkeit seines Körperbaus und seiner Kleidung wurde nur von dem ekelhaften Ding überboten, dass er Gesicht schimpfte. Als ich dazu kam, war das Gespräch schon beendet. Ich fragte das Mädchen, um was es ging. «Ich habe nur nach anderer Musik gefragt, wenn das, was nun läuft, als Musik bezeichnen kann.»

Tatsächlich wurde die Musik nun merklich besser. Natürlich ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf oder besser gesagt das Mädchen bei der Hand und führte sie auf die Tanzfläche. Sie hiess Helen Blaser, war 23 Jahre jung und wohnte in Steffisburg. Als der DJ einen akuten Rückfall erlitt und mitten in einem Rockstück ausblendete, um zum fünften Mal heute seine «persönliches Lieblingslied» – wie er uns übers Mikrophon mitteilte – zu bringen, entschieden wir zu gehen. Da ihre Kollegen schon ohne sie aufgebrochen waren, anerbot ich mich, sie nach Hause zu bringen. Mit meinem aufgemotzten Ferrari mit Turbo-45-Einspritzmotor, der sogar James Bond vor Neid erblassen lassen würde, fuhr ich sie nach Steffisburg.

Bei ihr angelangt, lud sie mich noch auf einen Drink ein. Während wir die Treppe hochstiegen, ermahnte sie mich, leise zu sein. Ihr Vater schlafe schon. Geräuschlos schlichen wir uns in die Küche, wo sie mit geschickter Hand einen Drink mixte. Sie nannte ihn den «Big Braindisrupter» und er war verdammt gut. Wir tranken je zwei. Worauf sie befand, dass ich unmöglich noch Autofahren dürfe und ich deshalb bei ihr Übernachten solle. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden.

Sie führte mich durch das Wohnzimmer. Es gefiel mir recht gut. Es hatte einige Regale, mit Büchern, die das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg gelesen worden waren, ein Ledersofa und zwei Ledersessel, die auf den grossen Fernseher in der Ecke ausgerichtet waren, einen Glastisch, auf diesem stand eine halbvolle Tasse Kaffee. An der Wand hingen eingerahmte Fotos. Auf einigen erkannte ich Helen als kleines Mädchen. Auf den anderen war ein etwa 1.80 Meter grosser, breitgebauter, schwarzhaariger Mann mit Bart. Dieser sass in diesem Moment auf dem Sofa und war tot – erschossen.

Helen starrte schockiert auf die Leiche ihres Vaters. Ich versuchte sie zu trösten. Doch das war gar nicht nötig. Sie fing sich rasch wieder. «Es musste so kommen. Ich habe ihm immer gesagt, er soll sich einen neuen Job suchen, aber er hörte nicht auf mich. Du musst wissen, er war Briefträger. Und Briefträger haben wenig Freunde. Täglich erhielten wir Drohungen von Leuten, die mit ihrer Post nicht zufrieden waren», erklärte sie mir. Bei der Untersuchung der Leiche stellte ich fest, dass der Mord vor kurzem geschah. Der Körper war noch warm. Der Kaffee jedoch war kalt. Etwas konnte nicht stimmen – wie ich aus dem Physikunterricht wusste, hatten tote bärtige Männer und halbvolle Tassen Kaffee die selbe Wärmekapazität. Weshalb war dann das eine kalt und das andere warm? Neben der Tasse lag ein Plastikfetzen. Mir ging ein Licht auf. Der Mann wollte uns etwas mitteilen.

Als der Mörder ging war Blaser noch nicht tot. Mit letzter Kraft hatte er aus der Küche in Plastikfolie eingepackte Eiswürfel geholt und diese in den Kaffee geworfen. Der Mörder musste etwas mit kaltem Kaffee zu tun haben. «Mein Vater beklagte sich immer über den lauwarmen Kaffee im Tea-Room Café Unterstadt, wo er normalerweise frühstückt.» – «Verteilt er dort auch die Post?» Sie nickte. Ich durchsuchte die Wohnung und fand die Patronenhülse und einen Umschlag. Dieser war an einen D. Lärf, Unterstadtstr. 13 adressiert. Der Absender war die Kantonalbank.

Ich musste die Sache noch einmal gründlich überdenken und begab mich zu diesem Zweck an ein stilles Örtchen, wo man mit sich und seinen Gedanken alleine ist. Ich vermutete, dass dieser Lärf Geldprobleme hatte und seine Bank ihm das mitgeteilt hat. Lärf ärgerte sich gewaltig ab dem Brief und wollte sich am Schuldigen, dem Briefträger, der ihm die Hiobsbotschaft überbrachte, rächen. Er kam also hierher, klingelte und erzählte dem alten Blaser irgendein Märchen. Dieser liess ihn herein. Bevor Lärf Blaser erschiesst, erklärt er ihm noch den Grund. Deshalb hatte er den Brief mitgenommen.

Während ich nachdachte, begutachtete ich die Toilette. Plötzlich fiel mir ein weisser Knopf auf. Da der Raum sonst äusserst sauber war, konnte er noch nicht lange hier sein und an Blasers Anzug fehlte kein Knopf, das wäre mir aufgefallen. Also musste ihn der Mörder verloren haben. Jetzt machte das Ganze Sinn: Nach dem Mord musste Lärf auf die Toilette, in dieser Zeit tat Blaser die Eiswürfel in den Kaffee. Deshalb wählte er auch diese umständliche Variante. Eine offensichtliche Nachricht konnte er nicht hinterlassen, da der Mörder noch in der Wohnung war. Lärf war gerade gemütlich beim Scheissen, als wir vorfuhren. Er geriet in Panik und wollte fliehen. In der Eile riss er den Knopf ab und vergas den Umschlag.

Am nächsten Morgen nahmen wir unser Frühstück im Tea-Room Café Unterstadt ein. Das Tea-Room war einigermassen modern eingerichtet und erfreute sich zahlreicher Kunden. Der Kellner, der uns bediente, war äusserst nervös. Ausserdem fehlte an seinem Hemd ein Knopf. «Sind Sie D. Lärf?», fragte ich ihn, wobei ich demonstrativ mit dem gefundenen Knopf spielte. Darauf wurde er noch nervöser und verschwand in der Küche, mit der Begründung den Kaffee zu holen. Lärf war von beachtlicher Statur. Etwas über zwei Meter gross, 120 Kilogramm schwer, jedoch ohne fett zu sein. Sein Haar war kurzgeschorren und gewaltige Muskeln umspielten die Arme. Ich wusste genau, was er plante. Als er in der Küche verschwunden war, schickte ich Helen nach Draussen in Sicherheit. Sie wünschte mir Glück und versprach die Polizei zu alarmieren.

Dann war auf einmal die Hölle los. Mit einem Hechtsprung stürzte Lärf aus der Küche und nahm den Platz, an dem ich bis vor kurzem noch gesessen hatte, unter Beschuss. Bewaffnet war er mit einer Smith&Wesson «Peacemaker», die sich gut für den Kampf in Räumen eignet, da sie sehr leicht ist. Ich riss einen Tisch um und suchte dahinter Deckung. Das Kaliber der «Peacemaker» war nicht gross genug, um massives Holz zu durchschlagen. Meine Magnum hätte es gekonnt. Leider hatte ich diese jedoch bei meinem Sprung in Deckung verloren.

Lärf schoss nicht mehr. Er wartete darauf, dass ich mich blicken liess. Meiner Zählung nach hatte er noch drei Schuss in der Trommel. Er kam langsam näher. Ich hörte seine Schritte. Ich wartete. Er kam noch näher. Ich besorgte mir einen Stuhl. Er war schon ganz nahe. Leise zog ich einen zweiten Stuhl zu mir. Blind schleuderte ich den ersten Stuhl über den Tisch Richtung Lärf, schnappte mit den zweiten, sprang hervor und schmetterte auch diesen Stuhl Lärf entgegen. Die «Peacemaker» wurde ihm aus der Hand geschlagen und ich stürzte mich sofort auf ihn. Seine Kraft war unglaublich. Schnell errang er die Oberhand und dreht mir den Lufthahn zu.

Da bekam ich etwas zu greifen und schlug es ihm ins Gesicht. Die Tasse – das war es – zersprang in tausend Scherben und Lärf brüllte schmerzerfüllt auf. Ich befreite mich aus seinem Griff und übernahm die Initiative. Im Ringen war ich ihm unterlegen, also hielt ich ihn auf Distanz und teilte Schläge und Tritte aus. Der Schnellkurs in Karate und Kung Fu zahlte sich aus. Doch auch Lärf war nicht ohne: als Kellner in einem Nachtlokal hatte er eine Menge gelernt – aber nicht genug. Seine Kondition reichte nicht aus. Seine Schläge verloren an Kraft. Er wurde immer langsamer und sein Reaktionsvermögen liess immer mehr zu wünschen übrig. Ich bemerkte, wie Helen in Begleitung von Polizisten das Lokal betrat und wollte ihr noch eine Show bieten. In einer blitzschnellen Kombination aus gleichzeitig anmutigen, eleganten aber auch brutalen Bewegungen gab ich Lärf den Rest.

Die nächsten zwei Stunden verbrachten Helen und ich auf einem Polizeiposten, wo wir versuchten drei völlig verblödeten Beamten zu erklären, was geschehen war. Wir waren zum dritten Mal dort angelangt, wo ich Helen nach Hause gefahren hatte. Da platze mir der Kragen und ich legte den Polizisten nahe, sie sollen sich zum Herrn der Fliegen scheren. Ausserdem klärte ich sie darüber auf, dass eine Gewisse Ähnlichkeit zwischen ihren Gesichtern und der Aftergegend nicht von der Hand zu weisen sei.

Am nächsten Wochenende war ich wieder im Hollywood. Der DJ war immer noch der alte. Ich spielte gerade mit dem Gedanken mit Waffengewalt eine Neubesetzung des Posten zu erzwingen, als Helen auftauchte. Sie sah sich um und winkte mir zu. Ich gesellte mich zu ihr. Wir verliessen die Disco und gingen zu ihr nach Hause. Dieses Mal mussten wir nicht leise sein: Ihr Vater würde so schnell nichts mehr wecken.

Zwei Wochen später zog Helen weg. Nach Adliswil bei Zürich. Ich hab sie seither nie mehr gesehen. Ich schrieb ihr ein, zwei Mal. Ihre Antworten waren immer sehr kurz, Im letzten Brief schrieb sie, das sie nun bei der Post als Aushilfsbriefträgerin arbeite. Ich wusste das konnte nicht gut gehen. Kurze Zeit später sah ich die Blick-Schlagzeile: «Postangestellte Helen B. (25) brutal ermordet. Ralf M. (64) ärgerte sich wegen Rechnungen.» Bei ihrer Beisetzung waren nur der Pfarrer und ich dabei. Ich musste an ihre Worte denken: «Briefträger haben wenig Freunde».

Manchmal, wenn ich in einer Disco sitze, mich über die Musik nerve, denke ich an sie. Dann habe ich das Gefühl, sie könnte jeden Augenblick zur Tür hinein kommen. In solchen Momenten stehe ich auf und gehe in Gedenken versunken nach draussen, schaue zu den Sternen und schweige. Dann gehe ich in die nächste Bar und bestelle einen «Big Braindisrupter», den es nirgends gibt…

Im Pub herrschte Schweigen, als Charles seine Geschichte zu Ende erzählt hatte. Nur aus der Jukebox klangen die Toten Hosen. «Wir alles sind nur zu Besuch, keiner bleibt für immer hier. Ob du heute gehst oder morgen ist im Grunde ganz egal. Und dass der Herr dich zu sich ruft, ist der Beweis, dass er dich mag. An diesem schönen Tag.» Briefträger haben wenig Freunde – einen hatte Helen sicher.

Mehr zu «Geschichten von der Theke»: https://mcstrider.com/2012/07/17/geschichten-dies-und-jenseits-der-theke/


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