Verfasst von: mcstrider | Mai 14, 2014

Vom Dorfverein zum Schweizer Meister

Heute vor 50 Jahren (der Bericht erschien am 9. Mai 2014 im Berner Oberländer) fand die erste Vereinsversammlung des SC Unterseen-Interlaken statt. Und in der Saison 1964/1965 stieg der neue Verein in die Meisterschaft ein. Seither geschah einiges.

Heinz Stalder, erster Captain des SC Unterseen, im Einsatz auf der Eisbahn Weissenau.

Heinz Stalder (rechts), erster Captain des SC Unterseen, im Einsatz auf der Eisbahn Weissenau.

«Das negative Abschneiden der Schweiz. Eishockey-Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Innsbruck scheint im Bödeli positive Auswirkungen zu zeitigen», schrieb das «Oberländische Volksblatt» (OV) am 14.März 1964. Der Artikel handelte von einer Orientierungsversammlung von «Anhängern und Freunden des schnellsten Mannschaftsspiels» im Stadthaus Unterseen. Es war die Geburtsstunde des Eishockeyclubs (EHC) Unterseen, des heutigen Schlittschuhclubs (SC) Unterseen-Interlaken.

Einige Wochen später − genau heute vor 50 Jahren − trafen sich die Mitglieder zur ersten Vereinsversammlung. Eine der Entscheidungen war die Änderung des Namens in SC Unterseen. «Das Schlittschuhlaufen war uns ein zentrales Anliegen und nicht alleine das Eishockey», erinnert sich Walter Gurzeler, Ehrenmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied. Um gerade jungen Leuten die Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen zu geben, sei es dem Verein wichtig gewesen, eine Eisbahn zu betreiben. «Im Winter vor der Vereinsgründung spielten wir auf einem Eisfeld auf dem Hartplatz bei der Turnhalle», erinnert sich Gurzeler. «Dort kam die Idee des eigenen Vereins mit eigener Eisbahn auf.»

Die Eisbahn Weissenau war von 1964 bis 1979 die Heimstätte des  SC Unterseen, was den Mitgliedern viel abverlangte.

Die Eisbahn Weissenau war von 1964 bis 1979 die Heimstätte des SC Unterseen, was den Mitgliedern viel abverlangte.

Oft ohne eigenes Eis
Am 14.Mai berichtete das OV wieder über den neuen Verein: «Den Gründern des Schlittschuh-Clubs Unterseen ist ein  besonderes Lob auszusprechen für ihren Mut, in unserer Zeit des Renditen-Denkens und der Hochkonjunktur die Idee dieses gesunden Wintersports mit eigenen Mitteln und aus eigener Initiative in die Tat umzusetzen.» In der Gründungszeit waren etliche Vereine in der Region aktiv. Gurzeler  erinnert sich an Derbys gegen Goldswil auf dem gefrorenen Burgseeli, und dass es die Stedtler gewurmt habe, dass die Mattner ihnen stets einen Schritt voraus waren.
Der Betrieb der Natureisbahn hielt die Mitglieder in den ersten Jahren auf Trab. So schrieb der damalige Präsident Gerhard Kolb in der Festschrift zum 10-Jahre-Jubiläum: «Es ist nicht selbstverständlich, wenn bei schlechtesten Wetterbedingungen jedes Jahr wieder Männer in selbstlosem Einsatz die Natureisbahn aufbauen, um in vielen Nachtstunden das für einen Hockeyverein unentbehrliche Eis herzustellen.» Doch oft reichte der Einsatz nicht aus. «Es gelang, für unsere Aktiven in Zusammenarbeit mit den Kunsteisbahnen in Wengen, Kandersteg und Adelboden sowie den höher gelegenen Natureisbahnen von Lauterbrunnen, Beatenberg und Grindelwald, Eis zur Durchführung einer regulären Meisterschaft zu finden», schrieb Kolb.

Die allererste Mannschaft des SC Unterseen stieg in der Saison 1964/1965  in die Meisterschaft ein.

Die allererste Mannschaft des SC Unterseen stieg in der Saison 1964/1965 in die Meisterschaft ein.

Dies hatte aber zur Folge, dass oft bis Mitternacht in Kandersteg trainiert wurde, erinnert sich Gurzeler. Die Spielplangestaltung sei damals  flexibler gewesen. «Wenn wir an einem Abend freies Eis hatten, suchten wir einen Gegner, der Zeit hatte.» Bei der Suche nach Trainingsmöglichkeiten waren die Unterseener erfinderisch. So brüsteten sie sich in der Jubiläumsschrift, die erste Kunsteisbahn auf dem Bödeli gehabt zu haben. «Das war im Kühlhaus der Firma Brentl», erinnert sich Gurzeler. «Wir trainierten dort auf einer kleinen Eisfläche, allerdings bei grimmiger Kälte und wenig Sauerstoff.» Einmal habe man beinahe einen Spieler im Kühlhaus, das nur von aussen geöffnet werden konnte, vergessen.
Wurden für die Aktiven Lösungen gefunden, blieb aber oft der Nachwuchs auf der Strecke. «Das für die Schüler unentbehrliche eigene Eis zum freien Eislaufen und Hockeyspielen fehlte eben meistens», schrieb Kolb. «Es wird bald zur Tradition, dass die Bevölkerung unserer Gegend nach Thun oder Wengen muss, um den gesunden und schönen Sport des Eislaufens ausführen zu können. Wie lange noch?»

Beim 10-Jahre-Jubiläum: Der Vereinsvorstand und die Ehrenmitglieder  des SC Unterseen.

Beim 10-Jahre-Jubiläum: Der Vereinsvorstand und die Ehrenmitglieder des SC Unterseen.

Weg vom Dorfverein
Diese Eissuche entschärfte sich 1979 mit der Eröffnung  der Kunsteisbahn in Matten. Allerdings brachte dies neue Herausforderungen, wie der  Festschrift zum 25-Jahre-Jubiläum zu entnehmen ist. Der damalige Präsident Urs Ingold schrieb: «So mussten einerseits relativ grosse Geldmittel zur Bezahlung der Eismiete aufgebracht und andererseits die ‹Dorfverein-Mentalität› abgestreift werden.» Ein erster Schritt geschah schon 1984 mit der zweiten Namensänderung in der Vereinsgeschichte zum heutigen SC Unterseen-Interlaken.
In der Jubiläumsschrift nahm Ingolds Nachfolger Hanspeter Zurbrügg Stellung zur Zukunft des Vereins. Vieles davon ist  heute noch aktuell. So hielt er fest: «Der Jugend gehört die Zukunft.» Und er strich dabei die Bedeutung der Nachwuchsarbeit heraus. Aber auch die Aussage, dass der Verein «auf die Unterstützung der Gemeinden, Geschäfte, Banken, Versicherungen, Sponsoren, Donatoren, Passiven, Inserenten und von allen, die in irgendeiner Weise, sei es mit Geld oder Arbeit, im Club mithelfen», angewiesen sei, würden die heutigen SCUI-Verantwortlichen wohl unterschreiben.

Spektakel auf der Weissenau: Roger Götz, Goalie des SC Unterseen, zeigt auf der Natureisbahn eine Parade.

Spektakel auf der Weissenau: Sepp Termignone, Goalie des SC Unterseen, zeigt auf der Natureisbahn eine Parade.

Sportlicher Aufstieg
Auch sportlich entwickelte sich der SCUI weiter. Seit 1992 gehört der Verein ununterbrochen zur 1.Liga, der höchsten im Amateurbereich. In der Saison 1996/1997 standen die Unterseener gar kurz vor dem Aufstieg in die NLB. Allerdings wollte der Verein gar nicht in die höhere Liga, da man es sich finanziell nicht leisten konnte. Damals musste der 1.-Liga-Meister gezwungenermassen aufsteigen. Hanspeter Zurbrügg erinnert sich an das Entscheidungsspiel in Sierre vor 5500 Zuschauern.  Der SCUI führte mit 3:1.  «Ich fragte den Trainer, was wir bei einem Sieg machen würden. Er habe keine Ahnung, hat dieser erwidert.» Am Ende setzten sich die Walliser mit 7:5 durch, und die Unterseener feierten die Niederlage frenetisch, indem die Mannschaft im Adamskostüm eine Ehrenrunde hinlegte.

In der Folge erreichten die Steinböcke noch sieben Mal die Playoff-Finals. Davon zwischen 2000 und 2005 fünf Mal in Folge. Der grosse Höhepunkt war die Saison 2004/2005: In überragender Manier dominierten die Unterseener die Liga und holten sich in den Spielen gegen die anderen Gruppensieger EHC Dübendorf und HC Martigny ohne Niederlage den Titel.

Verfasst für und veröffentlicht im Berner Oberländer (Ausgabe vom Freitag, 9. Mai 2014).

 

Eckpunkte der Geschichte des SC Unterseen-Interlaken

11.März 1964: Gründungsversammlung EHC Unterseen.
9.Mai 1964: 1. Mitgliederversammlung und Namensänderung zu SC Unterseen.
1966: Erstmaliger Aufstieg in die 2.Liga.
1966: Bildung einer 2. Mannschaft sowie einer Junioren- und einer Schülermannschaft.
22.Juli 1975: Nein zur Fusion mit dem EHC Beatenberg.
10.November 1979: Eröffnung Kunsteisbahn Matten.
1982: Aufstieg in die 1.Liga.
1983: Abstieg in die 2.Liga.
1984: Aufstieg in die 1.Liga
28.April 1984: Namensänderung: SC Unterseen-Interlaken.
1985: Erstes Heimspiel unter Dach.
1985: Abstieg in die 2.Liga.
1986: Erstmals ein hauptamtlicher Trainer (Fako Karol).
1992: Aufstieg in die 1.Liga.
1993: Klassenerhalt (als erster Aufsteiger seit 8 Jahren).
1997: Aufstiegsspiele NLB.
2005: Schweizer Meister.


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