Verfasst von: mcstrider | September 3, 2014

Schon manch einer ist steckengeblieben

Touristen aus dem arabischen Raum und Indien, die in Kleinbussen unterwegs sind, sollen sich schwer mit den Verkehrsregeln in der Schweiz tun. An den Stammtischen Interlakens kursieren zu diesem Thema zahlreiche Anekdoten. Manche mit mehr, manche mit weniger Wahrheitsgehalt. Nach einem Zwischenfall griffen auch die Medien das Thema auf. Hier eine persönliche Einschätzung von McStrider.

Touristen übersehen oder missachten oft dieses Verbot, allerdings nicht als McStrider auf der Lauer lag.

Touristen übersehen oder missachten oft dieses Verbot, allerdings nicht als McStrider auf der Lauer lag.

Ja, ja die Touristen und das Autofahren. In Interlaken ist das zur Zeit ein ganz grosses Thema. Nicht erst seit ein arabischer Tourist die Unterführung beim Bahnhof Interlaken Ost mit einer Parkhaus-Einfahrt verwechselt hatte und auf der Treppe hängen blieb (Bericht 20Minuten / Bericht Jungfrau Zeitung). Sofort machte die Umdeutung des in der Hochsaison in Interlaken allgegenwärtigen Kennzeichens „AI“ zu „Arabs Inside“ und „Achtung Inder“ die Runde. (AI steht für Appenzell Innerrhoden, wo die meisten Mietautos gemeldet sind.) Ja, auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Etwas nachdenklicher stimmen mich die Onlinekommentare. „Wie war dies nun mit Nichtbeachtung von Verkehrsregeln? Gilt das nicht für alle?“, schreibt einer, als ob der Tourist mit Absicht seine Karre aufgebockt hatte und sich und seiner Familie damit wenn nicht gar die ganzen Ferien so zumindest den Tag versaute. Und ob dieser Fahrer tatsächlich „weniger Busse bezahlt, als wenn ein Schweizer auf der Autobahn mal 10kmh zu schnell fährt“ – wie ein weiterer Onlinekommentar vermutet –, bezweifle ich doch stark.

Allerdings ist der Fall des hängen gebliebenen Autos in der Bahnhofunterführung nur die Spitze des Eisbergs. Zahlreiche arabische und indische Familien sind in gemieteten Kleinbussen unterwegs. Und manch einer tut sich schwer mit den Verkehrsregeln. Diesem Phänomen hat der Berner Oberländer (BO), wo ich als Redaktor arbeite, einen Bericht gewidmet. Das Fazit: Ja  Touristen fahren oft unsicherer als Einheimische, mit dem Bezahlen von Parkgebühren tun sich vereinzelte schwer und einige missachten Fahrverbote – speziell jenes im sogenannten Schlauch im Zentrum Interlakens. Als ich allerdings für ein Foto auf der Lauer lag, tat mir keiner den Gefallen.

Tourismusdirektor Stefan Otz erklärt gegenüber dem BO: „In ihren Ländern und Städten, so zum Beispiel in Dubai, ist das Parkieren auf öffentlichen Plätzen und in Einkaufszentren überall gratis.“ Beim Fahrverbot dürften die Navigationssysteme eine grosse Rolle spielen. Diese sind oft nicht aktuell und weisen die Fahrer an, durchs Fahrverbot zu fahren. Leider vertrauen Touristen oft dem GPS statt die Umstände vor Ort genauer zu betrachten. Dass dabei oft viel Verkehr herrscht, hilft wahrscheinlich auch nicht gerade.

Das ist aber ein Phänomen, das Touristen im Allgemeinen betrifft. Wenn man die Gegend nicht kennt und auch der Landessprache nicht mächtig ist, tendiert man dazu, sich auf bekanntes – wie etwa das GPS – zu verlassen. Die Geschichten von Touristen, aber auch Lastwagenfahrer, die vom Satelliten gestützten Navigationssystem in die Irre geführt wurden und im Nirgendwo stecken blieben, sind Legion und betreffen nicht nur Araber im Berner Oberland. Ja auch Schweizer sollen sich im Ausland gehörig vergurkt haben, weil sie der Technik zu sehr trauten.

Und es geht auch ganz gut ohne GPS. Ich denke da an zwei nahe Bekannte, die völlig hilflos durch den Verkehr Sydneys irrten – auf der Suche nach dem Weg zum Strand. Bis sie dort ankamen dauerte es Stunden, ob es noch für ein Bad in den Wellen reichte, wollten sie mir nicht verraten. Der ungewohnte Linksverkehr hat sicher auch mitgespielt. Übrigens gehen die Australier damit recht locker um. Wenn ein vom Linksverkehr überforderter Kontinentaleuropäer im Kreisel auf einmal den Scheibenwischer einschaltet, wird das anstandslos an Stelle des Blinkers als Signal zum Abbiegen akzeptiert.

Tja oder wie war das mal in Spanien? Wir waren auf der Suche nach dem Bahnhof, wo ein später angereistes Familienmitglied abgeholt werden sollte.Nach längerem Herankreisen wähnten wir uns noch eine Strasse vom Ziel entfernt. Doch als wir in diese einbogen, merkten wir – oh Schreck –, dass es eine Einbahnstrasse war und wir in die falsche Richtung unterwegs waren. Wir hätten nun mühsam umkehren können – ja müssen, oder halt doch einfach weiter fahren und den Anschein wahren, wir hätten die Signalisation nicht verstanden. Wir machten Zweiteres. Genützt hat’s nichts: Der Bahnhof war an einem ganz anderen Ort.

Oder wie war das auf der Maturareise, als wir mit gemieteten Scooter der heimischen Marke Piaggo die Insel Lipari erkundeten? Um Geld zu sparen, teilten Kollege Marino und ich uns einen Roller. Erst durfte er fahren. Und er tat es wie ein Henker. Ich starb tausend Tode, als er voll Karacho in die Kurven bog, und mir flatterte das Herz, als er in Geraden auf die Tube drückte. Ich flehte und bettelte, er solle sachte fahren. Es nützte nichts. Er hörte mich wohl nicht wegen des Geschwindigkeitsrausches, des Fahrtwindes und des Motorengeknatters. Es war wie unsere ganz eigene Version von Mani Matters „Alpenflug“. Aber wir stürzten nicht ab und verunfallten auch sonst nicht. Auf halbem Weg wechselten wir Plätze. Ich fuhr zwar zügig aber ruhig. So glaubte ich zumindest, bis ich hinter mir Marinos Flehen hörte, ich solle die mörderische Raserei unterlassen. „What goes around, comes around“, wie der Engländer zu sagen pflegt.

Und überhaupt: Für abenteuerliche Ausfahrten braucht es weder Ortsunkenntnis, GPS, Linksverkehr oder Araber. Ich erinnerte mich an eine bekannte lokale Persönlichkeit, die unter speziellen Umständen versuchte, vom Bödelibad dem rechten Aareufer entlang Richtung Beau-Rivage-Brücke und Harderbahn zu fahren. Sie kam trotz Dunkelheit erstaunlich weit, das muss man ihr lassen. Trotzdem zog sie es vor, das Fahrzeug stehen zu lassen und das Weite zu suchen. Die Bergung des Autos gestaltete sich übrigens deutlich schwieriger, als die des Kleinbusses des unglücklichen Arabers aus der Bahnhof-Unterführung.

Auf die Situation am Schlauch hat die Gemeinde gemäss dem BO übrigens reagiert: „Seit drei Wochen steht am Postplatz ein Mitglied des Verkehrsklubs Matten jeweils von 17 bis 19 Uhr und am Wochenende von 16 bis 18 Uhr im Einsatz, um falsch abzweigende Autofahrer anzuhalten.“ Ob weitere Massnahmen nötig seien, werde geprüft. In den Onlinekommentaren und an den Stammtischen kursiert der Vorwurf, die Touristen würden ja nie gebüsst, nur die Schweizer kämen an die Kasse. Es gibt Stimmen, die dem Positives abgewinnen. Dass in Interlaken die fehlbaren Touristen „informiert“ und „nicht gleich gebüsst“ würde, zeige dass man sie willkommen heisse, meint einer. Und ein anderer betont, dass es sich um Gäste handle und zwar „nicht um die unangenehmsten oder die geizigsten“. Andreas Hofmann, Pressesprecher der Kantonspolizei Bern hält fest: «In aller Regel werden Ordnungsbussen verhängt. Handelt es sich um ausländische Ortsunkundige, dann müssen die Bussen sofort vor Ort bezahlt werden.»

Tatsächlich sind die Araber und Inder in ihren Kleinbussen das Gegenteil der Gruppenreisenden, über die sonst gerne gewettert wird. Sie bleiben mehrere Tage, nächtigen in relativ teuren Hotels oder Ferienwohnungen, speisen in Restaurants und kaufen ein – und zwar nicht nur Uhren. Sie wollen nicht schnell auf einen Gipfel und dann wieder weg. Sie bleiben länger und unternehmen mehrere Ausflüge – mit den gemieteten Kleinbussen. Kurzum: Sie sind näher am von den Touristikern so sehr vermissten ursprünglichen Englischen Kurtouristen, der mehrere Wochen in der Region blieb, als irgendeine andere Gruppe.


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