Verfasst von: mcstrider | Dezember 23, 2015

Eine Weihnachtsgeschichte mit Charles Tanner

Es war Heiligabend und die Szenerie an der Theke deprimierend. Wer Familie hatte war zuhause, stopfte sich den Bauch mit Köstlichkeiten voll, feierte mit seinen Liebsten und hatte es rundum gemütlich. Nur die armen Gestalten, die niemanden hatten, die alleine waren, suchten Trost an der Theke. Teilten ihre Einsamkeit, die so etwas erträglicher wurde. Die Türe ging auf und ein Nikolaus wankte herein. Er wankte nicht etwa, weil er schon betrunken war, sondern weil er einen hohen Stapel Geschenke trug. „Ho ho ho“, dröhnte es unter dem falschen Bart hervor und die Stammgäste erkannten sofort die Stimme von Charles Tanner. Sie starrten den verkleideten selbsternannten Privatdetektiv und Agenten an. „Ihr wundert euch bestimmt, über meine Aufmachung. Es geht um ein Versprechen, das ich einem kleinen Mädchen gab.“

Es war wenige Tage vor Weihnachten. Ich stand an einer schlecht beleuchteten Strassenecke. Es war eine klare Nacht und bitter kalt. Ich wartete auf einen Auftraggeber. Dieser hatte sich telefonisch gemeldet, wollte aber nicht herausrücken, um was geht. Er erklärte sich aber bereit, mir eine ordentliche Anzahlung zu übergeben, wenn wir uns trafen. Also wartete ich. Was blieb mir anderes übrig. Das Geschäft lief zuletzt nicht so gut.

Eigentlich hätte mein Auftraggeber schon vor einer halben Stunde hier sein müssen und nun begann es auch noch zu schneien. Ich schlug den Kragen meines in die Jahre gekommenen Mantels hoch und zog den Hut tief ins Gesicht. Es nutzte wenig.

Dann vibrierte es in meiner Tasche. Ein Anruf. Ich holte mein Telefon hervor. Die Nummer war unterdrückt. Ich nahm ab. „Hallo?“ – „Hahaha, reingefallen“, kicherte jemand am anderen Ende. In dem Moment fuhr ein Auto mit quitschenden Reifen an mir vorbei, ein Fenster ging auf und ich wurde mit kaltem Wasser übergossen. Ich fluchte und überlegte kurz zur Waffe zu greifen. Aber das hätte wohl Ärger gegeben. Und den konnte ich nun wirklich nicht brauchen.

Meine nassen Kleider froren ein. Ich schlotterte. Mein Büro war weit weg und weit und breit war kein Taxi. Ich fluchte und marschierte los. Da kam ein junges Mädchen – etwas neun Jahre alt – um die Ecke gerannt. Sie trug nur ein weisses Nachthemd und schaute panisch über ihre Schulter, so dass sie in mich hineinlief. Sie stürzte und war offensichtlich zu schwach, um wieder aufzustehen. In dem Moment bogen zwei Typen um die Ecke. Sie trugen weisse Kittel, die einen krassen Kontrast zu ihren düsteren Visagen bildeten. Das Mädchen versuchte, sich hinter mir zu verstecken. Die Kerle ignorierten mich. Einer packte das Mädchen am Arm.

Ich war dankbar. Dankbar dafür, dass ich meine schlechte Laune endlich an jemandem auslassen konnte. Ich riss seinen Arm zur Seite. Er knurrte und holte zum Schlag aus. Viel zu langsam, viel zu plump. Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte ich ihm die Nase gebrochen. Er ging zu Boden wie ein italienischer Fussballspieler im gegnerischen Strafraum. Und auch den zweiten schickte ich mit einem gezielten Tritt ins Land der Träume. Ich durchsuchte die beiden. Abgesehen von ihren Mitarbeiterausweisen trugen sie nichts auffälliges bei sich. Ich nahm die beiden Ausweise an mich.

Das Mädchen war durchgefroren und völlig entkräftet. Ich trug sie in mein Büro und legte sie vor den kleinen Heizkörper. Ich bastelte ihr aus den Resten in meinem Kühlschrank ein Fritten-Schnittlauch-Eier-Sandwich. Es schien ihr zu schmecken und sie erzählte mir ihre Geschichte:

Ich heisse Alice. Das erste, an das ich mich erinnere, ist wie ich vor knapp drei Jahren in einem Spitalbett erwachte. Anscheinend wurde ich von einem Mann, der am Weihnachtsmorgen am Kanal fischte, aus dem Wasser gezogen. Wie ich ins Wasser kam, weiss ich nicht. Und auch was zuvor was, weiss ich nicht. Die Polizei versuchte meine Eltern zu finden. Aber sie wussten ja kaum etwas. Nur meinen Vornamen Alice, dieser war in meine Wäsche gestickt. Plakaten, Zeitungsaufrufen und ein Beitrag im Fernsehen, alles nutzte nichts. Also kam ich ins Waisenhaus. Die ersten paar Monate war ich zwar traurig, aber es ging mir gut. Das Personal schaute gut zu mir und mit den anderen Kindern hatte ich es meist lustig. Dann wurde das Heim verkauft und es wurde immer schlimmer. Wir wurden die meiste Zeit eingesperrt und mussten Schlüsselanhänger basteln. Das Personal wurde ausgewechselt. Statt Lehrer und Betreuer waren es nun Wächter und Schläger. Heute wurde unser Heim von einem Beauftragten des Sozialamts inspiziert. Erst hoffte ich, dass nun alles besser wird. Als ich den Mann sah, bekam ich aber einen Schreck. Ich kannte ihn. Ich wusste nicht von wo. Aber ich kannte ihn. Ich hatte tödliche Angst. Und er kannte mich, das sah ich ihm an. Und sein Blick war böse. Er unterhielt sich mit den Betreuern Frank und Rolf und steckte ihnen Geld zu. Und ich hatte noch mehr Angst. Bisher hatte ich nicht daran gedacht wegzulaufen. Weshalb auch? Ich wusste ja nicht, wo ich hingehen sollte. Das war mir nun egal. Einfach nur weg. Als das Essen angeliefert wurde, rannte ich durchs Tor, doch Frank sah es und rannte mit Rolf hinterher Sie hätten mich fast erwischt, als Du auftauchtest.

Das Klügste wäre es gewesen, die Polizei zu rufen und die Bullen sich um die Kleine kümmern zu lassen. Es wäre nicht nur klug, sondern wohl auch das richtige gewesen. Aber seit wann kümmert mich das? Ich brachte Alice bei Rahel, einer Kollegin vom Geheimdienst, unter und schaute mir das vermaledeite Heim etwas genauer an.

Es war kein Ort, wo man Kinder unterbringen sollte. Niemand sollte dort untergebracht werden, vielleicht mit der Ausnahme von Schwerverbrechern. Der Name der Anstalt „Zum Kinderglück“ war reiner Hohn. Eine mit Stacheldraht gekrönte Backsteinmauer umschloss das Gelände. Ein massives Eisentor war der einzige Eingang. Also der einzige Eingang für Normalsterbliche. Aber nicht für mich. Schliesslich liefere ich mir ja seit einiger Zeit mit Ueli Steck ein Duell um die schnellste Durchsteigung der Eigernordwand. Zurzeit liegt er vorne. Aber ich bin ziemlich sicher, dass ich ihm den Rekord bald wieder abjagen werde. So eine Backsteinmauer war für mich also keine echte Herausforderung. Und auch mit Stacheldraht habe ich schon all zu oft Bekanntschaft gemacht, so dass er mich vor keine grossen Probleme stellte.

Das Gebäude selbst hätte eine gute Kulisse für einen Horrorfilm abgegeben: Es war alt und baufällig. Die Fenster waren vergittert. Die Tür war verschlossen, einen Umstand, den ich mit meinem Dietrich behob. Ich schlich durch den kalten, dunklen Korridor. Im Erdgeschoss waren die Schulzimmer. Besser gesagt die Werkstätten. Man sah den Räumen an, dass hier früher mal wirklich unterrichtet wurde. Das musste aber lange her gewesen sein. Die Wandtafeln waren mit Staub bedeckt und Schulmaterial suchte man vergebens. Auch Zeichnungen, Poster und Bilder, wie man sie sonst in Klassenzimmer findet, fehlten. Im ersten Stock waren weitere dieser deprimierenden Räume, dazu ein grosser Schlafsaal. Ich riskierte einen Blick hinein. Es war noch deprimierender. Rund 50 Kinder lagen in dreistöckigen Betten, wie man sie sonst nur aus Zivilschutzanlagen kennt. Für persönliche Sachen gab es keinen Platz. Schweren Herzens verliess ich den Saal wieder. Ich schwor mir aber zurückzukommen und den Laden dicht zu machen. Aber erst musste ich der Geschichte mit Alice auf den Grund gehen.

Im zweiten Obergeschoss kam ich weiter. Dieses war deutlich besser eingerichtet als der Rest des Gebäudes. Hier wohnten wohl die Aufpasser. Auch das Büro der Administration war hier. Ich brach den Aktenschrank auf und suchte die Unterlagen von Alice. Diese halfen mir aber nicht weiter. Darin stand die gleiche Geschichte, die sie mir erzählt hatte, einfach in viel trockeneren Worten. Aber ich fand etwas anderes aufschlussreiches: den Bericht des Beauftragten des Sozialamtes.

Der Beauftragte, Robert Finke war sein Name, musste ein anderes Heim besucht haben: Er lobte die Verantwortlichen für die vorbildliche Betreuung der anvertrauten Kinder. Da stand etwas von einem beispielhaften Unterrichtsmodell und kindgerechten Freizeitaktivitäten. Ich wollte mich übergeben, tat dann aber etwas Sinnvolleres und startete den Computer auf. Im Ausgang des Email-Programms wurde ich fündig. Finke und Norbert Matt, der Direktor des Waisenhauses, hatten sich fleissig ausgetauscht. Finke informierte Matt vorzeitig über seinen Besuch und stellte auch gleich klar, was er wollte, damit die Inspektion positiv ausfalle: 15’000 Franken. Diese hatte ihm Matt auch promt überwiesen.

So weit so wenig überraschend. Die Konversation ging aber noch weiter. „Ich habe es schon Ihren Mitarbeitern gesagt: Ich erwarte, dass das Mädchen spurlos verschwindet. Dann steht einer weiteren fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Haus „Zum Kinderglück“ und dem Sozialamt nichts im Wege“, schrieb Finke vor wenigen Stunden. Also wohl unmittelbar nach seiner Inspektion. „Zum Zeichen meines guten Willens und um Ihre Mühe zu kompensieren, erstatte ich Ihnen die 15’000 Franken zurück.“ Finke kannte Alice wirklich und war ihr gar nicht wohlgesonnen. Ich übertrug sämtliche Daten vom Computer auf meinen Minidatenträger, den ich stets mitführe. Mit diesen Beweisen dürfte es ein leichtes sein, das Heim zu schliessen, die Betreiber hinter Gitter zu bringen und für die Waisen eine anständige Unterbringung zu finden.

Doch erst musste ich herausfinden, was für ein Spiel Finke trieb. Ich ging zurück in mein Büro und setzte mich an meinen Computer. Dank meiner Zeit beim Geheimdienst kann ich problemlos ohne Spuren zu hinterlassen auf sämtliche Datenbanken öffentlicher Einrichtungen zugreifen. Zwar musste ich, als ich den Dienst quittierte, versprechen, von diesen speziellen Hintertüren keinen Gebrauch zu machen. Aber ich sehe das nicht so eng. Und schliesslich habe ich beim Versprechen hinter dem Rücken die Finger gekreuzt.

Gemäss seiner Personalakte war Finke ein zuverlässiger, vorbildlicher Mitarbeiter des Sozialamtes. Er betreute verschiedene Institutionen darunter seit kurzem auch das Waisenhaus „Zum Kinderglück“, weiter amtete er als Vormund von mehreren Personen. Diese schaute ich mir genauer an. Sie alle konnten aus unterschiedlichen Gründen ihre Rechte und Pflichten nicht selber wahrnehmen. Die meisten weil sie geisteskrank waren, aber es gab auch andere Gründe: Menschen, die im Koma lagen, und andere, die zwar bei vollem Bewusstsein waren, aber auf Maschinen angewiesen sind.

In seinen Unterlagen führte Finke jeweils auf, welche Dienste er für diese Personen erledigte und welche Vollmachten er hatte. Es waren praktisch ausschliesslich Blankovollmachten. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Ich ahnte Übles.

Gemäss seinen eigenen Unterlagen erledigte Finke die Arbeit pflichtbewusst und mit Wohlwollen für die ihm anvertrauten Menschen. Zum Glück musste ich mich nicht auf Finkes Wort verlassen, sondern konnte auf andere Informationen – wie etwa den Bankdaten – zurückgreifen. Wie will ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber die Leute, die sich um unsere Privatsphäre sorgen, liegen schon nicht falsch. Grosse Rechner sammeln wie Kraken Unmengen an Daten und Leute wie ich können problemlos darauf zu greifen und sie für unsere Zwecke nutzen. Und diese sind eher selten so edel, wie hier, wo es darum geht, zu Weihnachten einem Waisenkind zu helfen.

Die Bankdaten brachten es ans Licht: Nein, Finke war kein zuverlässiger, vorbildlicher oder pflichtbewusster Mitarbeiter. Er nahm die ihm anvertrauten Menschen aus wie Weihnachtsgänse. Jeden Monat liess er sich einen stattlichen Betrag auf sein Konto überweisen. Immer den finanziellen Möglichkeiten der betrogenen Menschen entsprechend, so dass es nicht auffiel. Mir fand bei der Durchsicht der Daten noch etwas anderes: Ich hatte eine gute und eine sehr schlechte Nachricht für Alice. Ich hatte ihre Eltern gefunden, aber diese würden nicht mehr lange leben.

Mein Telefon klingelte. Es war Rahel. „Ich weiss gar nicht, was du gegen das Sozialamt hast. Die sind verdammt fix“, sagte sie. Ich musste leer schlucken. „Du hast die angerufen?“ – „Nein, die kamen von sich aus. Ein Robert Finke stand vor meiner Türe und fragte nach Alice. Er wolle mit ihr sprechen. Er zeigte mir seinen Ausweis, deshalb dachte ich das sei in Ordnung.“ Ich hörte im Hintergrund einen Schrei. Rahel fluchte. „Der Typ haut ab!“ Ich hörte eine Wagentür zu schlagen und wie ein Motor gestartet wurde. „Keine Sorge, ich verfolge ihn.“

Anscheinend konnte Frank oder Rolf mir zu meinem Büro und von dort zu Rahel folgen. Verdammt. Zum Glück hatte ich eine Idee, wo Finke mit Alice hin wollte. Es sollte wohl dort enden, wo alles begonnen hatte. Ich musste mich beeilen, wenn ich es rechtzeitig schaffen wollte: das fragliche Waldstück am Kanal war deutlich näher an Rahels Adresse als an meinem Büro.

Ich sass hinter dem Steuer, drückte das Pedal bis zum Anschlag durch und fluchte. Es nutzte nicht viel. Zwar gab sich der in die Jahre gekommene Motor, ein osteuropäischer Nachbau einer koreanischen Kopie eines deutschen Originals, alle Mühe, dies schlug sich aber mehr in lautstarkem Klappern und knochenbetäubendem Schütteln nieder als in Geschwindigkeit. Als ich mich meinem Ziel näherte, schaltete ich die Scheinwerfer. Dann sah ich die Brücke. Finke stand in der Mitte und hielt die bewusstlose Alice im Arm. Rahel sass noch in ihrem Auto am anderen Ufer. Die Wagentür stand offen und sie hatte ihre Waffe auf Finke gerichtet. Ich legte eine Vollbremsung hin und stieg aus.

„Es ist zu spät“, schrie Finke und liess Alice in den Fluss fallen. Ich dachte nicht einmal nach und sprang in die eiskalten Fluten. Es war dunkel, unter Wasser sah ich nichts. Doch, da war ein heller Schatten; das Nachthemd. Meine Lunge brannte und mit glühenden Nadeln bohrte sich die Kälte des Wassers in meine Haut. Doch ich tauchte weiter. Dann kam ich eine Hand zu fassen. Ich packte zu und zog Alice an die Wasseroberfläche. Am Ufer wartete schon Rahel. Sie half mir an Land. Auf der Strasse im Licht der Autoscheinwerfer lag Finke.

Rahel begann sofort, Alice zu beatmen. Mir fehlte die Luft dazu. Und dann atmete Alice wieder selbstständig. Wir wickelten sie in eine Decke aus Rahels Auto. Hinter den Baumwipfeln wurde es langsam hell: der Weihnachtsmorgen brach. Finke hatte sich aus dem Staub gemacht. Aber das war mir in dem Moment egal. Ich würde den schon finden.

Wir fuhren in Rahels Wohnung, die deutlich besser beheizt war als mein Büro. Auf dem Rücksitz kam Alice langsam zu sich. „Ich erinnere mich wieder“, meinte sie traurig. „Ich erinnere mich wieder. Ich wollte doch nur mit meinen Eltern Weihnachten feiern.“

Alice’ Eltern Beatrice und Serge Fahrni waren erfolgreiche Unternehmer. Sie hatten eine Firma, die Tiefkühlprodukte vertrieb, aufgebaut. Noch heute ist sie Marktleader und wirft jährlich einen hübschen Batzen ab. Aber Reichtum schützt nicht vor Schicksalsschlägen: Die beiden verunfallten mit dem Auto. Sie überlebten. Aber nur knapp. Maschinen erhalten sie am Leben. Wenn man es Leben nennen kann. Ans Bett gefesselt, an Geräte angeschlossen, abgeschnitten von der Aussenwelt.

Für Finke waren Fahrnis ein Lottosechser. Er arbeitete daran, die einzige Schnittstelle zwischen den beiden und der Umwelt zu werden. Dabei war ihm Alice im Weg. Sie musste weg. In der Nacht vor Weihnachten versprach er ihr, sie zum Weihnachtskind zu bringen. „Es ist im Wald und hatte Geschenke für dich und deine Eltern“, sagte er mir, erinnerte sich Alice. „Er hat mir gesagt, es sei auch ein Wundermittel dabei, das alle Krankheiten heilt. Wäre es nicht schön, wenn du morgen mit deinen Eltern richtig Weihnachten feiern könntest.“ Sie habe ihm glauben wollen, meinte Alice. „Wann, wenn nicht an Weihnachten, darf man auf ein Wunder hoffen?“

Es gab kein Wunder. Finke betäubte das Mädchen und warf es in den Fluss. Den Eltern wollte er erzählen, es sei davon gelaufen. Nur Dank eines aufmerksamen Fischers und Glück überlebte Alice. Vielleicht doch ein kleines Wunder. Natürlich bekam Finke mit, dass das Mädchen überlebt hatte, aber da es sich an nichts erinnern konnte, konnte es ihm egal sein. Die Suchmeldungen konnte er den Eltern problemlos vorenthalten. Er war am Ziel. Er war die alleinige Schnittstelle zwischen Fahrnis und der Aussenwelt. Er hatte die Kontrolle und nutzte sie auch, um sich ein luxuriöses Leben zu ermöglichen. Dann wurde ihm das Heim „Zum Kinderglück“ zu geteilt und dort lief ihm Alice über den Weg. Er beschloss, die Arbeit zu Ende zu bringen. Tja das ging nach hinten los.

Was Alice nicht wusste war, dass es ihren Eltern schlechter ging. Die Maschinen konnten das Unvermeidliche hinauszögern, aber nicht verhindern. Gemäss den medizinischen Unterlagen war es nur noch eine Frage von Tagen. Sie nahm die Nachricht gefasst auf. „Darf ich noch einmal Weihnachten mit ihnen feiern?“ Ich konnte nicht Nein sagen.

Also fuhr ich mit ihr zum Anwesen Fahrnis. Dieses lag ausserhalb der Stadt. Während der Fahrt erledigte ich einige Anrufe und verschickte von meinem Handy aus belastende Daten. Die Konten Finkes wurden gesperrt, er selbst zur Fahndung ausgeschrieben und ein Waisenhaus mit unpassendem Namen geschlossen.

Als wir ankamen, war auch der verständigte Arzt schon da. „Natürlich kann sie zu ihren Eltern“, meinte der. „Aber ich glaube nicht, dass die etwas mitbekommen werden.“ Er führte uns ins Schlafzimmer. Der Raum war mit Maschinen zugestellt. Durch durchsichtige Schläuche tropften Flüssigkeiten, auf Bildschirmen flimmerten Diagramme und irgendwo Piepse es ständig. „Ping.“ In der Mitte stand ein grosses Bett, in dem Beatrice und Serge lagen. „Mama! Papa!“, rief Alice und kniete sich nebens Bett. „Ping.“ Sie fasste die beiden an den Händen und weinte. Aus Freude. Aus Trauer. „Ping. Ping.“

Die Kadenz des Biepsen beschleunigte sich. Täuschte ich mich oder bewegten sich die Augenlider von Beatrice? Nein, ich täuschte mich nicht. Sie schlug die Augen auf. Und kurz darauf folgte ihr Serge. Die beiden waren wach. Auf einem Bildschirm, der bis jetzt schwarz war, erschienen plötzlich Worte. „Alice? Bis du das?“ Der Arzt schüttelte den Kopf. „Ein Wunder“, meinte er knapp. Wann, wenn nicht an Weihnachten, darf man auf ein Wunder hoffen?

Die beiden konnten nur noch über den Computer, den sie mit den Augen steuerten, kommunizieren. Alice war es egal. Voller Begeisterung stimmte sie ein Weihnachtslied an. „Ach was solls?“, dachte ich mir und sang mit. Auch der Arzt machte mit. So konnte Alice mit ihren Eltern Weihnachten feiern. Ein letztes Mal. Noch bevor die Neujahrsglocken läuteten erlagen Beatrice und Serge den Folgen ihres Unfalls.

Gemeinsam mit Rahel besuchte ich die Beerdigung. Es schien die Sonne und viele Leute nahmen teil. Die meisten waren Angestellte von Fahrnis dazu kamen einige Vertreter des Sozialamtes. Der Pfarrer fand passende Worte. Es war eine schöne Zeremonie. Und Alice machte tapfer mit.

„Ich bin froh, konnte ich noch einmal mit meinen Eltern sprechen, auch wenn es über einen Computer war. Ich bin froh, dass wir noch eine kurze gemeinsame Zeit zusammen hatten. Und ich bin froh, konnten wir noch einmal gemeinsam Weihnachten feiern“, sagte sie mir nach der Abdankung. „Aber es macht mich traurig, dass viele Kinder und einsame Menschen dies nicht erleben. Ihnen will ich helfen und ich habe schon eine Idee. Und du musst mir dabei helfen. Versprichst du mir das?“ Was sollte man da antworten?

Das Sozialamt stellte ihr einen neuen Vormund zur Seite. Der hatte erst keine Freude, als er von ihren Plänen hörte. Er verwies auf irgendwelche Regeln und Vorschiften. In einem kurzen aber intensiven Gespräch wies ich ihn daraufhin, dass Regeln und Vorschrift manchmal grosszügig ausgelegt werden müssen. Ich war überzeugend.

Alice, als Alleinerbin die zur reichsten Neunjährigen der Schweiz wurde, gründete eine Stiftung. Diese kaufte als erstes das Waisenhaus „Zum Kinderglück“ auf. Das alte Gebäude wurde abgerissen. Heute steht dort ein Institut, das den Namen auch verdient. Inzwischen betreibt die Stiftung elf Häuser im ganzen Land. Und jedes Mal zu Weihnachten wird eine grosse Feier organisiert.

„Aber vorher, an Heiligabend, ziehen wir um die Häuser und beschenken Leute, die alleine sind und keine Familien haben“, sagte Tanner. „Deshalb sind wir hier“, meinte das Mädchen, das während der Erzählung unbemerkt von der andächtig lauschenden Menge die Bar betreten hat. Alice lächelte und begann, die Geschenke, die Tanner auf der Theke abgestellt hatte, zu verteilen. „Und was wurde aus Finke?“, wollte jemand wissen. „Das ist eine andere Geschichte“, antwortete Tanner und schmunzelte dabei. Dann stimmte Alice ein Weihnachtslied an und alle sangen mit. Es klang sogar halbwegs harmonisch. Auch das war ein kleines Weihnachtswunder.


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