Verfasst von: mcstrider | Januar 12, 2016

Drama um die Nummer 65

Während der Oberländer-Weltcupwoche veröffentlicht der Berner Oberländer unter dem Titel „Weltcüpli“ täglich eine Glosse, die „Ungeahntes, Unbekanntes oder auch Unerhörtes“ beleuchten soll. Hier mein Beitrag:

Der Fahrer Nummer 65 stürzt sich tollkühn Richtung Ziel. Er weiss, er ist schnell unterwegs. Schneller als die 64 Fahrer vor ihm, da ist er sich sicher. Es ist ein Kampf. Die Piste hat gelitten: tiefe Furchen und harte Schläge müssen gemeistert werden. Die Schenkel brennen. Er sieht das Ziel. Nur noch ein, zwei Tore. Der Sieg ist ihm gewiss. «Klick!» Der rechte Skischuh ist aus der Bindung gesprungen.

Unser tapferer Rennfahrer ist kein Bode Miller. Dieser fuhr bei der Abfahrt in Bormio 2005 nach einem ähnlichen Zwischenfall minutenlang auf einem Ski weiter. Nein, der Fahrer mit der Nummer 65 stürzt, überschlägt sich mehrmals und rutscht zum Glück unverletzt aber untröstlich ins Ziel. Und bei der Siegerehrung, als andere dazu aufgerufen werden, aufs Treppchen zu steigen, zittern ihm die Lippen, doch die Tränen hält er tapfer zurück.

Das kleine Drama ereignete sich Mitte der 1980er-Jahren am Hasliberg, und der Fahrer mit der 65 – Sie haben es erraten – war ich.

Ja, ich und das Skifahren, das ist die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Es war mein letztes Erlebnis als aktiver Skirennfahrer. Wenige Jahre später amtete ich als Torrichter bei einem JO-Rennen beim Skilift Salzegg. Es war eiskalt, es schneite, und ich sass dem beissenden Wind ausgesetzt in dichtem Nebel. Ein Weltcuprennen wäre bei diesen Bedingungen sicher nicht durchgeführt worden. Oft sah ich kaum bis zu den Toren, die ich beaufsichtigen sollte. Ich hielt mich an den juristischen Grundsatz «In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten». Manch ein Rennfahrer, der im Nebel das Tor verpasste, wird sich im Ziel gewundert haben, weshalb er nicht disqualifiziert wurde.

Kurz darauf kam es zum endgültigen Bruch. Endlich hatte ich die Technik des Rennumsteigens gemeistert. Endlich konnte ich die Schwünge drehen, wie es auch die ganz Grossen am Chuenisbärgli taten. Just dann kam aber das Carving auf, und die ganze Mühe war umsonst. Ich drehte dem Skisport beleidigt den Rücken zu und bekannte mich ganz und gar zum Snowboard, das ich schon Jahre zuvor für mich entdeckt hatte.

Natürlich habe ich nicht alle Brücken abgebrochen. Natürlich fiebere ich auch heute mit, wenn die Besten ihre Kurven auf die Piste ziehen. Wenn es wie am Sonntag in Adelboden oder am kommenden Wochenende in Wengen richtig zur Sache geht. Und manchmal frage ich mich, was wohl gewesen ­wäre, wenn der Fahrer mit der Nummer 65 seine Fahrt am Hasliberg ins Ziel gebracht hätte.

Der Text erschien am 12. Januar im Berner Oberländer und im Thuner Tagblatt.


Responses

  1. […] dieser Stelle erinnert sich vielleicht jemand an mein Weltcüpli von vor zwei Jahren. Als ich die Frage aufwarf, ob an mir nicht ein grosser Skirennfahrer verloren […]


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