Verfasst von: mcstrider | Oktober 31, 2016

Weshalb ich (noch) keine Angst vor Big Brother habe

Morgens, nach dem Duschen und dem Anziehen, aber noch vor dem Füttern der Katze, greife ich normalerweise das erste Mal nach meinem Natel. Eigentlich das zweite Mal. Beim ersten Mal schalte ich den Wecker aus. Rund zehn Minuten nachdem ich die wohlige Wärme meines Bettes verlassen habe, sind die kleinen grauen Zellen einigermassen angelaufen und aufnahmefähig.

So auch jüngst. Und wie so oft hatte Facebook eine Nachricht direkt für mich. Doch dieses Mal war es irgendwie anders. Das digitale soziale Netzwerk machte mich nicht auf den Geburtstag eines mir nur vage bekannten «Freunds» aufmerksam oder erinnerte mich an ein Ereignis, das ich vor x Jahren mittels verwackelten Fotos und halbwegs origineller Statusmeldung festgehalten hatte. Nein, Facebook warnte mich: «In der Region Bern regnet es.»

«George Orwell und Big Brother lassen grüssen», dachte ich im ersten Moment erschrocken. Hatte mich das Gesichts(lose)buch schon frühmorgens – na ja, einigermassen frühmorgens – im Visier? Doch meine Irritation legte sich rasch wieder. «Region Bern» ist ein geografisch zu weit gefasster Begriff dafür, sich von Mark Zuckerberg und Co. persönlich verfolgt zu fühlen. Und überhaupt scheinen die digitalen Detektive doch mehr dämlich als effektiv zu sein. Die Regenwarnung war überflüssig. Wissen die nicht, dass mein Schlafzimmer mehrere Fenster hat und ich das Wetter beim Aufstehen deshalb sehe? Offensichtlich wissen sie es nicht, und das ist doch be­ruhigend.

«Aber was ist mit Google?», fuhr mir in den Sinn. Ist der andere Krake, der wie Facebook im Internet fleissig Daten sammelt, etwa effektiver? Ich gab meinen Namen und «Fenster» bei der Suchmaschine ein. Es schaute zum Glück nichts Verwendbares heraus.

Beruhigt, aber mit etwas Verspätung machte ich mich auf den Arbeitsweg . . . und wurde so richtig pflotschnass: Über meiner Recherche zum Wissen von Facebook und Google über die Befensterung meines Schlaf­zimmers hatte ich etwas Wichtiges vergessen. Nämlich dass es regnet. PS: Wenn jemand sich exzessiv selbst «googelt», nennt man das «Vanity Surfing». Schlimmer ist «Cyberchondria», wenn Leute anhand von Google Selbstdiagnosen erstellen und darob krank werden.

Dieser Text erschien am 28. Oktober im Berner Oberländer unter der Rubrik Kopfsalat


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