Verfasst von: mcstrider | Mai 19, 2017

Verschwendete Jugend

«Oh, verschwendete Jugend!» Ein Ausruf, der oft zu hören ist, zu hören war und zu hören sein wird. Manchmal denkt der Ausrufende dabei an das eigene Verhalten vergangener Tage. Meist ist aber die gerade aktuelle Jugend gemeint, die verdorben, passiv, uninteressiert, verwöhnt – schlicht schlecht – ist. Zumindest an den Erinnerungen des Ausrufenden gemessen.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte», meinte ein kluger Kopf. Ein anderer: «Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation.» Erstes Zitat stammt vom Philosophen Platon, das zweite von Aristoteles. «Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe», lautet ein Keilschrifttext der Chaldäer um 2000 vor Christus.

Entsprechend rate ich bei der Beurteilung anderer Generationen zur Vorsicht. Nein, beim Ausspruch «Oh, verschwendete Jugend» denke ich an meine ­Jugendjahre. Und das nicht mit Bedauern, wie der Spruch im ersten Moment glauben macht.

Wann, wenn nicht in der Jugend, darf man Zeit verschwenden? Dazu zähle ich die Stunden im Freien, wo generalstabsmässige Schlachten mit den Nachbarskindern geplant und zum Teil auch durchgeführt wurden. Später kamen die Abende und Nächte im Ausgang dazu, wo mein Verhalten auch nicht immer vorbildlich war. Und die Stunden im dunklen Estrich vor der Kiste – erst ein Commodore 128, später ein Amiga – beim ­Gamen. Schon vor dem Internet und den Social Media konnten Computer, wenn man die damaligen Maschinen so nennen will, ganz schön viel Zeit fressen.

Computerspiele gehören zum kulturellen Erbe meiner Generation. «Wir werden mit Spielen sozialisiert, sie sind prägende Erfahrungen für uns», erklärt René Bauer, der an der Zürcher Hochschule der Künste Game­design unterrichtet, in einem ­Artikel im «Tages-Anzeiger». ­Allerdings ist dieses Erbe gefährdet: Alte Games sind oft auf Datenträgern gespeichert, die begrenzte Lebensdauer haben, und wegen der raschen Entwicklung auf neueren Plattformen nicht mehr spielbar. Die Rettungsbemühungen stecken noch in den Kinderschuhen. Oh, verschwendete Jugend.

Dieser Text erschien unter der Rubrik «Kopfsalat» am 19. Mai 2017 im Berner Oberländer und im Thuner Tagblatt.

Mehr zum Thema «Verschwendete Jugend» unter dem Gesichtspunkt der Computer und meine Generation berichtet ein guter Bekannter unter dem Pseudonym Mark Graf im Buch «Wir Kinder des Commodore 64», das es hier zu kaufen gibt. Und hier geht es zur Facebook-Site von Mark Graf.


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